So weit, so gut

Eigentlich hatte ich geplant jede Woche einen Beitrag zu schreiben, allerdings ist seit dem Abnehmen der Eisen nicht viel passiert. Lily geht es gut, sie steht inzwischen wieder mit ihrer kleinen Stuten-Herde auf der Koppel und geniesst ihr Leben.

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Die Wunde an der Schulter ist gut verheilt und seit letzte Woche Anne Marquart, unsere Ostheopathin da war, sind auch die durch den Unfall ausgerenkten Wirbel wieder drin.
Sie läuft weder fühlig noch zeigt sie irgendwelche Probleme mit den Hufen. Anne hat mich aber nochmal darauf aufmerksam gemacht, dass ich vorsichtig sein soll, eine Überlastung der Hufe würde man erst nach ein paar Tagen bemerken.
Also machen wir noch langsam und werden erst nächste Woche mal wieder etwas in der Halle arbeiten. Bis dahin darf sie auf die Koppel und wir machen ein bisschen Showmanship Training und Equikinetik von Michael Geitner (allerdings nur im Schritt).

Morgen kommt Detlev wieder, dann werden die Hufe das erste Mal richtig bearbeitet und ich werde wieder ausführlicher berichten.

Vorbereitung und Entscheidungsfindung

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie Entscheidungen, sei es kleine oder eben auch grosse, möglicherweise weitreichende zu Stande kommen. Als Designer bin ich mit intuitiven Entscheidungsprozessen vertraut. Ich weiss, dass ich auf Grund meiner Ausbildung und 17-jährigen Erfahrung meinem Bauchgefühl trauen kann.

Als Pferdebesitzerin ist das leider noch nicht so, es gibt einfach zu viele Themen, mit denen ich mich – Gott sei Dank – noch nicht auseinandersetzen musste. Die Herangehensweise an die Entscheidungsfindung ist aber ähnlich: Recherche, Analyse, Skizzieren von Lösungsansätzen und Entscheidung.

Das Internet bietet zum Thema Hufrollen-Syndrom eine Fülle von Information, Bücher über Anatomie können die Theorie ganz gut abrunden. Dazu kommen natürlich Gespräche mit Tierarzt, Stallkollegen und Pferde-Freunden. Trotzdem war mir das nicht genug, vor allem, als ich nach und nach feststellte, wie komplex das Thema Huf ist, wollte ich praktische Erfahrung sammeln bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe. Ein Hufseminar bei einem erfahrenen Hufpfleger schien also der logische nächste Schritt für mich zu sein. Die Auswahlkriterien waren auch schnell definiert:

  1. das Seminar sollte einen möglichst neutralen Standpunkt einnehmen, es ging mir ja um die Abwägung von Beschlag und Barhuf
  2. ein Theorie- und Praxisteil
  3. gute Erreichbarkeit (als zweifache Mama bin ich einfach abends gern daheim)
  4. Seminarpreis unter 500 EUR

Nach etwas Recherche fand ich das Barhuf Institut von Detlev Urban. Beim Lesen der Philosophie fand ich mich gleich wieder und buchte das nächst mögliche Seminar.

Am Seminartag fand ich mich mit 11 anderen Teilnehmern im Hinterland von Bamberg einem langhaarigen, barfuss laufenden Mann gegenüber der sofort ins Thema einstieg und uns ohne weitere Vorstellung durch die anatomischen Grundlagen, die Wichtigkeit der Art der Haltung und Fütterung führte. Alle Inhalte veranschaulichte er an mitgebrachten Modellen und stellte er uns zusätzlich in eine kleine Mappe mit ausführlichen Beschreibungen und vielen Bildern zur Verfügung.
Die Quintessenz dieses Tages war für mich die Erkenntnis, dass es viele verschiedene Faktoren gibt, die die Gesundheit der Hufe beeinflussen. Beruhigend war aber auch das ich das Gefühl bekam, wesentlich besser informiert zu sein und vor allem jetzt jemanden zu haben, der sich auf das Thema spezialisiert hat und es von verschiedensten Seiten her betrachtet.

Der zweite Tag sollte der Praxistag werden. Er fand auf dem Urbanhof statt, wo Detlev mit Frau, Kindern und 15 Pferden lebt. Alle Teilnehmer waren schon gespannt auf die „isolierten Pferdebeine“, wie er es nannte. Damit wir unsere ersten Versuche ohne Sorge um das Wohl der Tiere machen können, hatte Detlev Pferdebeine vom Schlachter besorgt (jeweils am Karpal-bzw. Sprunggelenk abgetrennt). Das war am Anfang zwar gruselig aber ich gewöhnte mich schnell daran und war froh endlich die Praxis zu bekommen, die ich so lange vermisst hatte.
Am Vormittag zeigte uns Detlev also Schritt für Schritt die Bearbeitung eines Hufes und auf was bei den einzelnen Schritten zu achten sei. Zusätzlich erklärte er die verschiedenen Werkzeuge und ihre Funktion. Am Nachmittag waren dann wir an der Reihe. Jeder bekam zwei Hufe und wir gingen auch hier Schritt für Schritt vor. Detlev nahm sich für jeden Zeit um den Huf zu analysieren und die geplanten Schritte zu besprechen. Nach meinem zweiten Huf hatte ich das Gefühl nun endlich die Grundlagen verstanden zu haben und in der Praxis anwenden zu können.
Hier ein kleines „vorher – nachher“ Bild meines zweiten Hufes: Der Strahl wurde leicht ausgeschnitten, das tote Horn der Sohle entfernt, der Tragerand an das Niveau und die Ausrichtung der Sohle angepasst, die Hufwand an der Zehe begradigt und eine Mustang-Roll angebracht.

Hufkurs

Da wir bei einem Huf eine Absenkung des Hufbeins vermuteten, verschwand Detlev zum Abschluss noch in seiner Scheune und sägte den Huf kurzer Hand in zwei Teile. Seine Vermutung bestätigte sich und wir bekamen nochmals einen direkten Einblick in die Anatomie und die Zusammenhänge des Hufes.

Bei der abschliessenden Fragerunde kam heraus, dass Detlev selbst nur noch „Spezialfälle wie Hufrollen-Pferde“ übernehme, da er komplett ausgebucht sei. Glück im Unglück dachte ich mir und in der darauffolgenden Woche vereinbarten wir den Termin zum Eisen abnehmen.

Das Seminar war für mich eine großartige Erfahrung und die finale Bestätigung, es mit dem Abnehmen der Eisen auf jeden Fall zu versuchen. Mit Detlev habe ich ausserdem einen erfahrenen und realistischen Fachmann gefunden, dem es vor allem um das Wohl des Pferdes geht.

Woche 1: Eisen ab

Lily hatte uns in Woche 0 etwas in Atem gehalten, da sie sich in der Boxen-Gasse eine grosse Schnittwunde an der Schulter zugezogen hatte, die in der Klinik genäht werden musste.

Nach Beratung mit Tierarzt und Hufpfleger stellten wir aber fest, dass es eher von Vorteil wäre, wenn sie erst einmal die ersten Tage auf dem Paddock oder in der Box verbringt. Als Detlev Urban dann zum vereinbarten Termin auf den Hof fuhr war ich schon ziemlich aufgeregt. Er liess uns erst einmal Schritt gehen und traben und erfragte nochmal ganz genau Lilys Vorgeschichte.

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Als wir sie dann zum Eisen abnehmen auf den betonierten Putzplatz führten, stellte er fest, dass sie total kippelig auf ihren vorderen Eisen stand. Sie wackelte richtig vor und zurück und konnte nicht wirklich stabil stehen, auch waren die hinteren Eisen schon wieder total abgeschmirgelt und dadurch rutschig.
Nach eingehender Foto-Dokumentation nahm er die Eisen dann ab, schabte ein bisschen das tote Sohlenhorn ab und brachte an allen Hufen die Mustang Roll an. Mehr brauche es erste einmal nicht. Danach mussten wir noch mal vortraben und ich war glücklich das erste Mal in der leicht abschüssigen Boxengasse keine Angst haben zu müssen, dass sie ausrutscht.
Mittels einer grossen Auswahl an mitgebrachten Hufschuhen, ermittelte Detlev im Anschluss noch Lilys Hufschuhgrösse und empfahl uns diese erst einmal wegzulassen. Er meinte, solange sie keine Probleme habe, bräuchte sie auch keine Hufschuhe.

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Die darauf folgenden Tage waren wir eher mit der Heilung der Wunde an ihrer Schulter beschäftigt als mit den Hufen. Sie machte einen glücklichen Eindruck und ging nicht einmal fühlig obwohl wir bald – trotz Schulterwunde – auch wieder kleinere Spaziergänge in die Umgebung unternahmen.